Warum ein Blog neben der digitalen Edition?
Am Anfang stand die digitale Edition Wilhelm von Humboldt: Schriften. Sie ist der Kern dieser Website und der Ausgangspunkt für alles Weitere.
Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass neben der editorischen Arbeit ein anderer Raum sinnvoll wäre: ein Ort, an dem sich Texte begleiten, einordnen und weiterdenken lassen. Ohne jede Überlegung sofort in die Form eines wissenschaftlichen Aufsatzes bringen zu müssen und ohne die damit verbundene Schwelle für ein breiteres Publikum.
So ist dieser Blog entstanden.
Er soll Raum geben für Kommentare, Kontext und lautes Denken. Während die Edition vor allem den Zugang zu den Texten erleichtert, Suchmöglichkeiten bietet und auf langfristige Sicherung zielt, erlaubt der Blog ein anderes Tempo.
Hier lese ich langsamer. Ich mache Anmerkungen, entwickle Lektürehilfen oder teile Gedanken, die nicht jedes Mal den Anspruch haben müssen, ein abgeschlossener wissenschaftlicher Beitrag zu sein.
Ich sehe diesen Blog als einen offeneren, vielleicht auch etwas unordentlicheren und experimentelleren Bereich innerhalb des Projekts. Natürlich wird es Verweise, Fußnoten und Literaturangaben geben, wo sie sinnvoll sind. Dafür existiert auf dieser Website ein eigener Bereich.
Aber hier darf Lesen und Schreiben auch ohne den ständigen Druck wissenschaftlicher Produktivität stattfinden.
Gelegentlich werde ich dabei das „Ich“ verwenden. Nicht, weil das Projekt subjektiv wäre, sondern weil Lesen immer in einer konkreten Situation geschieht. Und weil mir diese Perspektive dem humboldtschen Denken näher zu kommen scheint.
Wie Humboldt zum Kern meiner Arbeit wurde
Meine erste Begegnung mit Wilhelm von Humboldt war richtig unspektakulär. Im dritten Semester meines Philosophiestudiums tauchte sein Name im Zusammenhang mit John Stuart Mill auf. Humboldt erschien dort als wichtige Referenz, besonders in politischen und anthropologischen Fragen. Damals blieb er einer von vielen Namen im Hintergrund des Curriculums.
Ein Jahr später änderte sich das. Während meines Erasmusaufenthalts in Deutschland nahm ich an einem Lektüreseminar zu ausgewählten Texten Humboldts teil – in der bekannten Reclam-Ausgabe. Mein Deutsch war zu diesem Zeitpunkt noch begrenzt, das Lesen entsprechend langsam und mühsam.
Und dennoch war da etwas, das mich festhielt.
Nicht ein geschlossenes System (ein solches bietet Humboldt ja kaum), sondern die Erfahrung eines Denkens, das sich selbstverständlich zwischen Disziplinen, Sprachen und Themen bewegte. Ein Humanist im klassischen Sinn.
Die Texte wirkten stellenweise ungeordnet, manchmal sogar irritierend. Gleichzeitig strahlten sie eine intellektuelle Freiheit aus, die heute selten geworden ist.
Ich begann, einzelne Passagen ins Spanische zu übersetzen. Zunächst ohne klares Ziel, eher als Übung für mich selbst. Für eine Zeit wurde Humboldt zu einer stillen geistigen Begleitung.
Später verschwand er wieder aus dem unmittelbaren Fokus. Ich widmete mich meinem Studium der Klassischen Philologie, und die frühere Faszination trat in den Hintergrund.
Von der Lücke zum digitalen Editionsprojekt
Die Idee einer digitalen Edition entstand später, in einer weniger romantischen Phase zwischen Studienabschluss und Berufsleben.
Als ich die Lektüre wieder aufnahm, stieß ich erneut auf ein Problem, das mir schon früher aufgefallen war: Ein Großteil der Texte war online kaum zugänglich. Vor allem durch mehrere Umzüge und den fehlenden Zugang zu gedruckten Büchern wurde mir diese Lücke besonders deutlich – und belastend.
Schon im Seminar hatte mich irritiert, dass Schriften, die seit über zweihundert Jahren gemeinfrei sind, nur sehr eingeschränkt digital verfügbar sind. Auf Plattformen wie Zeno.org finden sich bspw. lediglich sechs Texte. Eine systematische Erschließung, differenzierte Suchmöglichkeiten oder eine strukturierte Arbeitsgrundlage fehlen weitgehend.
Im Herbst 2024 begann ich deshalb mit der Arbeit an einer modernen digitalen Edition auf Basis von TEI-XML und meinen grundlegenden Kenntnissen in den Digital Humanities. TEI-XML ist stabiler und flexibler als ein bloßes PDF, verlangt jedoch deutlich mehr editorische Präzision und sorgfältiges Tagging.
Was zunächst als überschaubares Experiment gedacht war, entwickelte sich Schritt für Schritt weiter. Inzwischen kooperiert das Projekt mit dem Deutschen Textarchiv sowie mit der Initiative Text+, um die langfristige Sicherung und Indexierung der Texte zu gewährleisten.
Das Projekt ist unabhängig und wird von mir selbst finanziert. Der Unterstützung der Vereinigung e-editiones verdankt es nicht nur Sichtbarkeit, sondern auch eine wichtige institutionelle Einbettung.
Was dieser Blog sein soll
Dieser Blog will weder die wissenschaftliche Fachliteratur ersetzen noch jeden Text Humboldts vollständig kommentieren. Dafür gibt es andere Formate.
Hier möchte ich einzelne Texte begleiten, wiederkehrende Motive sichtbar machen, biografische Kontexte erläutern oder Fragen zur Überlieferung und Rezeption seiner Schriften stellen (in Deutschland und darüber hinaus).
Besonderes Augenmerk soll auch auf den Frauen in Humboldts intellektuellem Umfeld liegen (unter ihnen mehrere Karolinen), die als eigenständige Denkerinnen lange unterschätzt wurden und mehr verdienen als eine Randnotiz.
Vor allem aber soll dieser Blog eine Einladung sein, wirklich zu lesen: mit Kontext, mit Geduld und mit offenen Fragen.
Das ist zumindest die Absicht.
