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Woran Humboldts Anthropologie ursprünglich scheiterte

Das unmögliche Buch

Mit diesem konditionalen Auftakt beginnt Wilhelm von Humboldt 1793 seine Theorie einer Bildung des Menschen.

Ein großes Werk.

Ein treffliches Werk.

Und doch im Konjunktiv: es wäre.

Das Buch, das Humboldt hier ankündigt, ist nie erschienen.

Mehr noch: Es wurde nie wirklich geschrieben.

Nicht, weil er dafür keine Zeit fand. Sondern aus intellektueller Redlichkeit.

Ein Denken in Anläufen

Lass uns zunächst einen Blick auf Humboldts Schriften der 1790er Jahre werfen:

Auf den ersten Blick handelt es sich um einzelne Abhandlungen.

Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass all diese Texte um dieselben Fragen kreisen: Bildung, Charakter, Geschlecht, Individualität. Sie variieren Motive, verschieben Akzente, setzen neu an. Aber eigentlich zielen sie auf dasselbe ab.

Albert Leitzmann gab zwar der Theorie einer Bildung des Menschen den Untertitel „Bruchstück“, aber vielmehr wirkt die Schrift wie eine Vorrede zu etwas Größerem. Plan einer vergleichenden Anthropologie trägt eher den Charakter eines Anfangs, während Über den Geschlechtsunterschied und dessen Einfluß auf die organische Natur und Über die männliche und weibliche Form wie mögliche Kapitel eines umfassenderen Werkes erscheinen.

In Wahrheit sind diese Texte keine voneinander unabhängigen Werke, sondern mehrere Anläufe zu einem einzigen Buch.

Ein Buch, dass hauptsächlich die Frage beantworten sollte:

Was macht ein Individuum zu dem, was es ist?

Ebenso sollte dieses Buch folgende Fragen untersuchen:

  • Welche angeborenen Kräfte besitzt der Mensch?
  • Welche Bildungsweg ist für jeden Charakter angemessen?
  • Worin bestehen die Unterschiede zwischen Individuen?
  • Gibt es einen Maßstab, an dem sich menschliche Vortrefflichkeit bestimmen lässt?

Humboldts methodischer Ansatz ist dabei erstaunlich nüchtern:

Er beginnt mit der Feststellung, dass es Menschen gibt (Dichter, Künstler, Wissenschaftler, usw.), die auf je eigene Weise etwas Vortreffliches vollbracht und so zur Idee der Menschheit beigetragen haben.

Nach aristotelischem Vorbild will er bedeutende Beispiele sammeln, vergleichen, aus der Vielfalt eine Allgemeinheit gewinnen. Er geht also induktiv, nicht spekulativ vor.

Der Anspruch ist enorm.

Vielleicht zu enorm.

Die innere Spannung des Unternehmens

Am schärfsten tritt Humboldts anthropologisches Projekt im Plan einer vergleichenden Anthropologie hervor.

Dort entwirft er das Modell einer Wissenschaft, die (analog zur vergleichenden Anatomie) die Charaktereigentümlichkeiten der Menschen erfassen und vergleichen soll.

(Eine kühne Idee, wenn man bedenkt, dass Disziplinen wie Psychologie oder Anthropologie in unserem heutigen Sinne noch nicht etabliert waren…)

Diese Wissenschaft hätte drei Funktionen:

  • Politisch: Ein Staatsmann könnte klüger regieren, wenn er den Charakter seines Volkes verstünde.
  • Pädagogisch: Ein Erzieher könnte Bildung an den individuellen Anlagen des Einzelnen ausrichten.
  • Philosophisch: Der Mensch würde im Vergleich mit anderen sein eigenes Profil schärfer erkennen.

Doch dann fällt jener bemerkenswerte Satz:

Schon hier beginnt das Projekt zu wanken.

Denn dieser Satz bedeutet:

Der Gegenstand dieser Wissenschaft verändert sich im Vollzug der Beobachtung.

Individualität ist kein statisches Objekt, das sich ordnen und klassifizieren ließe. Sie wächst, differenziert sich, schärft sich im Vergleich.

Eine Wissenschaft aber verlangt Stabilität. Ein System verlangt Fixierbarkeit.

Humboldt will eine Wissenschaft des Einzigartigen.

Das ist beinahe ein Widerspruch in sich.

Humboldts Werte gegen Hegels Philosophie

Humboldts Unternehmen ist in seinem Kern beschreibend, nicht vorschreibend:

Er will dem Menschen kein fertiges Ideal aufzwingen.
Er will nicht festlegen, was der Mensch zu sein hat.
Er will verstehen
, wie verschieden Menschen sind.

Und genau hier trennt sich sein Weg von dem Hegels Idealismus:

Für Hegel ist das Einzelne Moment eines größeren Ganzen. Individualität erscheint als Durchgangsstufe im Prozess des Geistes. Sie ist nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck einer sich entfaltenden Totalität.

Für Humboldt ist das Individuum kein bloßes Exemplar des Allgemeinen. Es besitzt eine Eigenlogik, eine Unverwechselbarkeit, die sich nicht ganz in Begriffe übersetzen lässt.

Bei Hegel wird das Einzelne durchsichtig auf das System.
Bei Humboldt bleibt es in gewisser Weise opak
.

Hegels Denken ist teleologisch strukturiert: Geschichte hat eine Richtung, der Geist verwirklicht sich notwendig, Widersprüche werden dialektisch aufgehoben. Differenzen sind also Momente eines höheren Zusammenhangs.

Humboldt denkt offener. Für ihn ist Bildung Möglichkeit, nicht Notwendigkeit. Entwicklung folgt keinem garantierten Ziel. Sie ist ein Prozess der Entfaltung, aber ohne vorgezeichnete Vollendung.

Hegel weiß, wohin die Bewegung geht.
Humboldt fragt, welche Bewegungen überhaupt möglich sind
.

Auch ihr Wissenschaftsverständnis unterscheidet sich grundlegend:

Hegel baut ein System. Ein Gebäude, in dem jedes Element seinen notwendigen Platz erhält. Die Philosophie soll das Ganze denken und in diesem Ganzen findet auch das Einzelne seine Wahrheit.

Humboldt entwirft ein vergleichendes Verfahren. Er sammelt, kontrastiert, differenziert. Seine Anthropologie soll nicht alles unter eine höchste Einheit zwingen, sondern Unterschiede sichtbar machen.

Doch genau hier liegt die Spannung.

Vielfältigkeit gegen Systematisierung

Eine allgemeine Theorie muss verallgemeinern. Und Verallgemeinerung bedeutet immer Reduktion.

Wer Gesetze formuliert, abstrahiert. Wer abstrahiert, lässt Unterschiede hinter sich.

Hegel nimmt diese Abstraktion in Kauf. Ja, er macht sie sogar produktiv. Das Einzelne wird im Allgemeinen aufgehoben, bewahrt und zugleich überschritten.

Humboldt dagegen zögert an dieser Schwelle. Er spürt, dass manche Differenzen sich nicht „aufheben“ lassen, ohne beschädigt zu werden. Dass Individualität etwas enthält, das sich der vollständigen Integration entzieht.

Er hätte die Unterschiede glätten können.
Er hätte ein System errichten können, das die Vielfalt unter eine höhere Einheit zwingt.

Doch er tat es nicht.

Humboldt weigerte sich, Individualität einem allumfassenden Zusammenhang zu opfern.

Vielleicht war der Wissenschaftler in ihm stärker als der spekulative Philosoph.
Vielleicht war es aber auch eine bewusste Entscheidung gegen die Verführung der Totalität.

Hegel vollendet.
Humboldt fragmentiert.

Und in dieser Fragmentierung liegt kein Mangel, sondern eine Haltung.

Wo Hegel die Differenz in die Einheit überführt, lässt Humboldt sie stehen.

Wo Hegel sagt: „So ist es im Ganzen“,
fragt Humboldt: „Wie verschieden kann es sein?

Ein produktives Scheitern

Je öfter Humboldt sein Projekt ansetzt, desto deutlicher wird: Er umkreist ein Problem, das sich nicht in eine abgeschlossene Theorie bannen lässt.

Das große, „treffliche“ Werk wurde also nie geschrieben.

Aber nicht, weil er die Kraft zur Systembildung nicht besaß. Sondern weil er spürte, dass jede endgültige Systematisierung einen Preis verlangen würde.

Eine Theorie der Individualität müsste verallgemeinern. Und Verallgemeinerung bedeutet Vereinfachung.

Humboldt war nicht bereit, die Vielfalt der Welt zugunsten begrifflicher Geschlossenheit zu reduzieren.

Das sagt viel über sein Projekt. Und noch mehr über den Menschen Humboldt.

Er war kein Systembauer, sondern ein Denker der Spannung.

Er hielt die Differenz aus, statt sie vorschnell aufzulösen.

Vielleicht liegt die eigentliche Größe seines Unternehmens nicht im vollendeten System, sondern im Verzicht auf ein solches. Im Mut, ein Werk ungeschrieben zu lassen, wenn sein Preis die Verarmung des Gegenstands gewesen wäre.

Humboldts Versuche stehen somit nicht als Zeugnisse eines Scheiterns, sondern als Beweis dafür, dass dieses Buch notwendig unmöglich ist.

Der Rückzug in die Sprache

Vor diesem Hintergrund erscheint Humboldts Hinwendung zur Sprachforschung nicht als Abkehr, sondern als Transformation seines ursprünglichen Projekts.

In der Sprache findet er ein konkretes Medium, in dem sich Individualität geschichtlich und kulturell ausprägt, ohne sich vollständig fixieren zu lassen.

Sprache ist zugleich individuell und kollektiv.
Sie verbindet, ohne zu homogenisieren.
Sie erlaubt Vergleich, ohne Typologien zu erzwingen.

Hier kann Humboldt Differenz untersuchen, ohne sie zu nivellieren.

Vielleicht war die große systematische Anthropologie nicht realisierbar.

Vielleicht musste sie ihre Form wechseln.

Vielleicht konnte das unmögliche Buch nur weiterleben, indem es sich in ein anderes Forschungsfeld verwandelte.

Und vielleicht liegt seine eigentliche Bedeutung gerade darin, dass es nicht existiert.

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